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Sturmflut 1962

(von Heinz Röhrs nach Erzählungen von Johann Dierks)


Beginnen wollen wir mit Samstag, den 10.02.1962. An diesem Abend wird im Gasthaus „Zur Piepe" in Rübke der Wehr­führer Jakob Neuenstadt wegen Erreichens der Altersgrenze von seiner Wehr als Wehrführer verabschiedet. Offiziell bleibt er jedoch noch bis zum 31.03.1962 im Amt. Damals wie heute ist die Kame­radschaft so, daß die aktiven Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Neuenfelde Süd kräftig miteinander feiern. Es wird ein feucht-fröhlicher Abend, der sich bis zum anderen Morgen hinzieht.

Am Freitag, den 16.02.1962 – es hat den ganzen Tag gestürmt, das Wasser ist nachmittags fast bis an die Deichkrone aufgestiegen, fahren Gustav Martens, stellvertretender Wehrführer, Jakob Neuenstadt, noch amtierender Wehrführer und Johann Dierks, designierter Wehrführer von Neuenfelde-Süd zur Familie Feldmann nach Rübke, um die Zeche für den letzten Samstag zu bezahlen. Wegen des perma­nenten Sturms und des hohen Wassers ist eine gewisse Unruhe zu spüren, so daß diese drei Kameraden gegen 22.00 Uhr schon wieder nach Hause fahren. Zunächst wird Gustav Martens zu Hause abgesetzt und bevor Johann Dierks seinen Vorgänger Jakob Neuenstadt nach Vierzigstücken bringt, sehen sie beim Orgelbauerhof Lindemann noch einmal über den Deich. Das Wasser ist noch genauso hoch wie am Nachmittag.

Nachdem Johann Dierks Jakob Neuenstadt zu Hause abgesetzt hat und bei sich auf den Hof fährt, steht sein Nachbar Richard Rademacher bereits auf dem Hof und erwartet ihn, damit die Bauern die Schotten in die Stegel setzen können, um sie mit Mist zu verfüllen, damit das Wasser nicht durch die Deichdurchfahrten läuft. Als dies zu­nächst bei der Stegel Lindemann erledigt ist, geht es weiter zur Stegel Witt, gegen­über der Tiefenstraße. Als auch diese Stegel weitgehend geschlossen ist, gehen in Neuenfelde die Sirenen. Johann Dierks verabschiedet sich von seinem Nachbarn, um seinen Dienst bei der Feuerwehr an­zutreten.


Für einen solchen Fall hatte er seiner Frau Erna schon klar gesagt, daß sie die Kinder Marion (6), Gisela (5) und Gerd (3) sofort mit dem Auto zur Geest zu Johanns Schwester bringen sollte. Als die Sirenen gingen, lud also Erna ihre drei kleinen Kinder ein, um sie nach Neu Wulmstorf zum Bredenheider Weg zu bringen. Oma Amanda blieb auf eigenen Wunsch zu Haus und der aus Hamburg zu Besuch weilende über 90-jährige Onkel Hans wollte mit. Erna setzte die Kinder in Neu Wulmstorf bei ihrer Schwägerin ab und fuhr wieder zurück nach Neuenfelde, um zu Hause einiges noch zu bergen. Es wurde das Notwendigste aus dem Haushalt auf den Heuboden geschleppt.

Johann mußte also sein Hab und Gut verlassen, um bei der Feuerwehr seinen Dienst anzutreten. Beim Feuerwehrhaus im Nincoper Ort traf er auf Kurt Mahn, damaliger Bereichsführer Süderelbe. Kurt Mahn erteilte den Befehl „Einsatz Hasselwerder Straße". Es sollten angeblich die Stegel Hasselwerder Straße 66, heute Claus Quast, und am Rosen­garten (heute Cord Quast) nicht geschlossen sein. Die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Neuenfelde Süd fuhren also zu diesen Stegeln und stellten fest, daß diese Stegeln ordnungsgemäß verschlossen waren.

Sie fuhren weiter in Richtung Vierzigstücken und stellten bei der Mühle an der Hasselwerder Straße fest, daß hier schon Felsen vom Deich herunter­gespült waren, die auf der Straße lagen. Der Maschinist und Fahrer, Gerhard Behr, meisterte diese Situation jedoch auf seine ruhige und sachliche Art, so daß das Feuerwehrauto weiter in Richtung Vierzigstücken fuhr. Da das Haus von Jakob Neuenstadt in Vierzigstücken sehr niedrig liegt, wurde Jakob langsam nervös und ließ sich nach Hause bringen.


Er übertrug das Kommando an seinen designierten Nachfolger Johann Dierks. Dieser fuhr mit seiner Gruppe zurück zum Feuerwehrhaus, um den nächsten Einsatz entgegen­zunehmen.

Dieser lautete: Deich droht am Fährdeich bei Reimers zu brechen. Dort angekommen, erwartete der Vorsitzende des Schleusenverbandes Liedenkummer, Karl Meinschien, schon die Feuerwehr. Diese sollte mit Sandsäcken den maroden Deich notdürftig abdichten. Nach einem kurzen Einsatz rief Karl Meinschien die Feuerwehrkameraden zurück, da er die Verantwortung nicht übernehmen wollte. Der Deich war schon bedenklich in Bewe­gung geraten. Als die Feuerwehrkamera­den diese Stelle des Deiches verließen, brach der Deich genau hier.

Als nächstes mußte der Deich an der Hasselwerder Straße zwischen Neuenfelder Fährdeich in Richtung Kirche mit Sandsäcken gesichert werden. Auch hier wurden Sandsäcke oben auf den Deich gelegt, die, wie man heute weiß, ihre Wirkung nicht verfehlten.

Inzwischen machte sich bei den Feuerwehrkameraden die schockierende Nachricht breit, daß neben dem Deichbruch bei Reimers am Fährdeich noch an weiteren Stellen der Deich gebrochen war. Johann Dierks beschloß daher, die Einsätze zu beenden und ließ sich vom Maschinisten Gerhard Behr nach Hause bringen. Gerhard Behr schaffte es gerade noch, mit dem Feuerwehrauto wieder den Nincoper Ort zu erreichen.

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